Facebooks Libra: Hybris des Silicon Valleys?

Die von Facebook angekündigte neue Währung Libra, lateinisch für Waage, droht gemäss einigen Kommentatoren die Weltwirtschaft aus dem Gleichgewicht zu stossen. Libra stehe geradezu sinnbildlich für den Hochmut der Tech-Giganten und deren Weltherrschaftsanspruch (siehe bspw. Heise online, Link am Ende des Textes). Ich plädiere dafür, keine Ängste zu schüren, sondern einen unvoreingenommenen Blick auf die Chancen und Risiken dieser Initiative zu werfen.

Mit Libra hat Facebook, gemeinsam mit zahlreichen Partnerunternehmen eine digitale Währung angekündigt, die weltweit als Zahlungsmittel verwendet werden kann und technisch auf der Blockchain implementiert werden soll. Sie ist allerdings keine eigentliche Kryptowährung wie bspw. Bitcoin, sondern zeichnet sich dadurch aus, dass die Einlagen in Libra vollumfänglich durch marktgängige Vermögenswerte abgesichert sind. Diese bilden einen «Korb» der wichtigsten Währungen ab, und sollten daher der neuen Währung einen weit stabileren Wechselkurs gewährleisten als derjenige von Kryptowährungen, welche teilweise extrem hohe Volatilitäten aufweisen.

Der erste, durchaus ernst zu nehmende Einwand gegen Libra ist der Verdacht des Missbrauchs der Nutzerdaten durch Facebook und andere Partnerunternehmen der LibraFoundation. Ich glaube aber, dass die Diskussion über den Datenschutz am Kern der Idee hinter Libra vorbeizielt. Dazu ein persönliches Erlebnis aus dem Land, das in Bezug auf Datenschutz und Überwachung wohl das meistgenannte Schreckensbeispiel darstellt.

Kürzlich, auf einer Reise durch China, habe ich Bargeld praktisch nur noch im Ausgabefach des ATM und in meinem eigenen Portemonnaie gesehen. Unabhängig von Alter, Bildung, oder Beruf benutzen fast alle Chinesinnen und Chinesen die Apps Alipay oder WeChat zum Bezahlen von fast allen Dienstleistungen oder Einkäufen. Bargeld stirbt aus. Von der Garküche auf der Strasse über das Taxi und die U-Bahn bis zur schicken Kunstgalerie in Shanghai lautete die Frage: «can you pay by Alipay or Wechat?» Ich konnte nicht, da dafür ein chinesisches Bankkonto notwendig ist. In der Schweiz löse ich in vielen Geschäften nach wie vor Ausrufe der Entzückung aus, wenn ich mit meiner Watch kontaktlos mittels Apple Pay bezahle, als ob ich der erste Mensch sei, der gerade jetzt und nicht vor 50 Jahren auf dem Mond gelandet wäre. Einige Akteure des Schweizer Finanzplatzes haben zwar mit Twint einen etwas unbeholfenen Versuch unternommen, den globalen Trends und den «Big Tech» Firmen aus dem Silicon Valley eine Schweizer Lösung entgegenzusetzen. Allein, sie ist weder elegant noch notwendig. In ein FinTech Geschäftsmodell, das nicht global skalierbar ist, würde ich keinen müden Franken Wagniskapital investieren. Insbesondere wenn das neue Produkt Probleme löst, die andere schon viel besser und benutzerfreundlicher gelöst haben. Immerhin, die Mauer der Schweizer Banken gegen Apple Pay beginnt zu bröckeln, nicht zuletzt dank kleinen, innovativen Pionieren wie der Bank Linth, oder dank wirtschaftlicher Logik («wachsender Trend bei der Nachfrage nach mobilen Zahlungslösungen») wie bei der Credit Suisse.

Die Rückständigkeit bei digitalen Zahlungssystemen in einigen westlichen Ländern, und ganz besonders in der Schweiz, sollte man nicht mit einer Tugend verwechseln, welche uns zum Gralshüter des Datenschutzes und der Privatsphäre erhebt. Natürlich sind die Bürger Chinas so transparent wie entspiegeltes Brillenglas—die lückenlose Kontrolle und Überwachung ist von oben widerspruchsfrei verordnet und dank modernster Technologie rigoros umgesetzt. Aber wie sieht es in den westlichen Demokratien aus? Dank Social Media, Smartphones, Google Map, Web-Trackern, vernetzten Autos, etc. sind wir längst so einfach lesbar geworden wie ein offenes Buch. Wir haben also die Unschuld hüben und drüben schon längst verloren und den Garten Eden der geschützten Privatsphäre verlassen. (Obwohl: hat in Eden nicht auch jemand ständig die Menschen überwacht und ihr Verhalten sanktioniert?)

Zurück zur Blockchain-basierten Währung Libra: ich möchte die Einwände hinsichtlich des Datenschutzes keineswegs beiseite wischen. Facebook hat diesbezüglich seine Glaubwürdigkeit längst verspielt; im sorg- und skrupellosen Umgang mit Benutzerdaten liegt wohl die wahre Hybris des Tech-Giganten. Regulatorische, organisatorische und technische Massnahmen zum besseren Schutz der eigenen Daten und zur Wahrung der Selbstbestimmung über den Umgang mit denselben sind notwendig: Erstens, die EU hat mit der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) bewiesen, dass es wirksame regulatorische Massnahmen gibt, die gleichzeitig ein gewisses Augenmass wahren. Die DSGVO hat sogar im Silicon Valley schon Beachtung gefunden. Zweitens gilt es organisatorisch auf eine kluge und die Interessen aller Beteiligten wahrende Governance zu achten. Die Vorschläge von Facebook und ihren Partnern sollte man nicht unbesehen und pauschal zurückweisen. Drittens bietet gerade die Blockchain die technischen Werkzeuge, einen wirksamen Datenschutz auf dem «need-to-know» Prinzip umzusetzen.

Der zweite, oft gehörte Einwand gegen Libraist mindestens so relevant wie der Datenschutz, und wohl von grösserer Tragweite: die makro-ökonomischen Auswirkungen eines solchen Zahlungsmittels, das mit «realen» Vermögenswerten abgesichert ist, mag kaum jemand treffsicher vorauszusagen. Nur ist es mit den meisten grossen Trends und Umwälzungen so: sie passieren trotz mangelnder Kenntnis der langfristigen Konsequenzen. Im Falle von Libra ist der globale, unumkehrbare Trend das wachsende Bedürfnis nach schnellen, sicheren, vertrauenswürdigen, einfachen und kostengünstigen Zahlungsmitteln. Zahlungsmittel der Banken und Kartenanbieter sind häufig weder schnell, einfach, noch kostengünstig, sondern erfüllen lediglich die Kriterien «sicher» und «vertrauenswürdig». Und selbst diese Anforderungen könnte ein Zahlungssystem auf der Blockchain noch besser erfüllen. Dies gilt übrigens auch für Anforderungen der Regulierungen zur Prävention von Geldwäscherei, wo es vereinfacht gesagt um die Nachvollziehbarkeit und Dokumentation der Eigentümerschaft, Herkunft und Verwendung von Vermögenswerten und Geldüberweisungen geht.

Den Nutzern von digitalen Zahlungsmitteln empfehle ich, die «Geburt» von Libra mit Neugier und wohlwollend zu beobachten, und gleichzeitig mit gesunder Skepsis die Massnahmen bezüglich Datensicherheit zu hinterfragen. Wenn der Nutzen gegeben ist, und das Oekosystem hinter Libra vertrauenswürdig ist, werde ich zu den ersten Anwendern gehören, wie vor drei Jahren bei Apple Pay in der Schweiz.

Meine Empfehlung an die Geschäfts- und Zentralbanken lautet, keine Nabelschau zu betreiben und keine Besitzstandwahrung zu reklamieren. Vielmehr müssen konsequent die Bedürfnisse der Kundinnen und Kunden, bzw. der Bürgerinnen und Bürger, in das Zentrum aller Geschäftsmodelle und Finanzsysteme gerückt werden. Es gilt tabulos die wirklichen Probleme echter «User» zu lösen, anstatt eigene Unzulänglichkeiten künstlich am Leben zu erhalten. So wie das Wasser immer einen Weg entlang der Schwerkraft findet, wird dank Internet und digitaler Mobilität jedes Geschäftsmodell einen Weg vorbei an Hindernissen der etablierten Marktteilnehmer und Regulatoren finden—solange es der «Schwerkraft» des Kundennutzens folgt.

Ist Libra Ausdruck von Hochmut im Silicon Valley? Vermutlich (das Mission Statement der Libra Foundation liest sich wie der Beginn einer berühmten Rede Martin Luther Kings). Ist sie eine vielversprechende Lösung für die Zahlungsbedürfnisse von Massen von Marktteilnehmern? Ganz bestimmt.

Links

https://www.thelibrafoundation.org/

Kritiker sehen an Facebooks Libra wenige Merkmale einer echten Kryptowährung (Heise online, 25.06.2019)

Warnruf vor Libra: Wie gefährlich ist Facebooks Kryptowährung? (Handelsblatt, 27.06.2019)

Bundesbank warnt bereits vor Libra: Wie gefährlich ist Facebooks neue Weltwährung? (Focus Money Online, 25.06.2019)

Credit Suisse: Apple Pay kommt definitiv (finews.com, 18.04.2019)

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